Wer wir sind und was wir wollen

Die Schweizer Medienlandschaft schrumpft seit Jahrzehnten. Gab es in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch unzählige unabhängige Tageszeitungen, exi­stieren heute noch fünf grosse Medienhäuser, die die Inhalte unserer Zeitungen bestimmen, und nur selten sind deutlich unterschiedliche Positionen feststellbar. Eine unabhängige und umfassende Meinungsbildung – für die direkte Demokratie unerlässlich – ist so nicht mehr gegeben. Man serviert uns einen medialen Einheitsbrei, auch wenn die Pressefreiheit zu unseren unbestreitbaren Grundrechten gehört. Es fehlt die ­nötige Meinungsvielfalt.

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Hauptartikel der aktuellen Ausgabe

Nr. 9 vom 17. Mai 2022

von Robert Hofmann

Editorial

Die Empörung des «Werte-Westens» ist gross. Die Wortwahl, mit der man den russischen Angriff beschreibt, entsprechend deutlich. Es ist von «barbarisch», «menschenverachtend», «schrecklichem Angriffskrieg», «brutalem Überfall» etc. die Rede. Vergleiche mit Hitler und seinem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion werden bemüht, Putin ist das Schlechte schlechthin. 

Dass jeder Krieg barbarisch und jeder Angriffskrieg für die Menschen fürchterlich und absolut zu verabscheuen ist und selbstverständlich unser Mitgefühl verlangt, ist unbestritten. Die ­gemahnenden Worte Papst Franziskus, die er bereits 2013 angesichts der Gewalt, die auf unserem Globus herrscht, vor den Gläubigen auf dem Petersplatz sprach, sind heute gültiger denn je: «Möge das Waffenrasseln aufhören! Krieg bedeutet immer das Scheitern des Friedens, er ist immer eine Niederlage für die Menschheit.» 

Was wir in der aktuellen Krise beobachten können, erfüllt alles andere als die gemahnenden Worte des Oberhaupts der katholischen Kirche. Sich über den russischen Angriff zu empören, dabei Waffen zu liefern, Geld am Elend der Menschen zu verdienen und sich dabei auf der richtigen Seite zu fühlen, ist auch eine Seite des Krieges, die Papst Franziskus mit «Waffenrasseln» treffend bezeichnet hat, und daran beteiligt sich der «Werte-Westen» massiv. Warum wird hier kaum jemand stutzig? Mehr Waffen und die Verlängerung des Krieges werden mehr Tod, Leid und Elend verursachen. 

Die westliche Propaganda hat zumindest im Westen gewirkt. Auf anderen Kontinenten, die dieser Manipulation nicht ausgesetzt sind, wird der Konflikt anders beurteilt. Die massive Emotionalisierung, vorangetrieben durch Medien und Politiker, hat bis heute verhindert, eine Lösung ausserhalb der Logik des Krieges zu finden. Wenn man aber die Fakten der letzten Wochen, wie sie im obigen Interview dargelegt werden, aneinanderreiht, eröffnet sich eine andere Perspektive, die von den politisch Verantwortlichen bisher kaum jemand zur Kenntnis nehmen will. Es gab mehrmals ein Fenster, in dem Friedensverhandlungen zwischen den Konfliktparteien hätten erfolgreich zu Ende geführt werden können. Jedesmal wurden sie von westlicher Seite torpediert. Es erhärtet sich immer mehr der Verdacht, dass die Vorgeschichte zu Putins militärischer Aktion und die jetzige Strategie des Westens, diesen Krieg mit Waffenlieferungen zu befeuern, einen direkten Zusammenhang haben. Der Krieg in der Ukraine ist ein Krieg der USA und ihren Verbündeten gegen Russland. Diese Einschätzung wird zunehmend von namhaften Persönlichkeiten, auch in den USA vertreten. 

Noch etwas müsste uns zu denken geben: Mitte April hat die Türkei, ein Nato-Mitgliedstaat, einen Angriffskrieg gegen die im Irak lebenden Kurden begonnen, um sowohl mit der Luftwaffe als auch mit Bodentruppen gegen sie vorzugehen. Laut der deutschen Tagesschau erhielt die Türkei grünes Licht, der Angriff sei «mit Freunden und Verbündeten abgesprochen». Wo ist die Empörung des «Werte-Westens»? Wo sind die Sanktionen gegen die Türkei? Wo sind irakische und kurdische Flaggen, die die unbedingte Solidarität mit den Angegriffenen zum Ausdruck bringen? Nichts dergleichen ist zu beobachten: Der «Werte-Westen» schweigt.

Die folgenden Beiträge sollen helfen, sich in einer von Propaganda und Gegenpropaganda bestimmten Medienlandschaft zurechtzufinden.

Die Redaktion

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