«Die Post rationalisiert ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung»

Interview mit Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer, SP/BL

Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (Bild thk)
Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (Bild thk)

Zeitgeschehen im Fokus  Warum haben Sie die Motion über ein Moratorium zur Poststellenschliessung eingereicht?

Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer Zwei Ereignisse waren ausschlaggebend. Zum einen, dass von der Post ohne Rücksicht auf Verluste und trotz grosser Proteste Poststellen geschlossen werden. Es gibt in vielen Orten Widerstand, und zum Teil ist die Versorgung in manchen Dörfern kritisch. Zum anderen hat der Bundesrat selbst erkannt, dass gewisse Gesetzesvorgaben überprüft werden sollen. Es ist doch widersinnig, Gesetzesänderungen vorzusehen, aber in der Zwischenzeit die Schliessung weiterer Poststellen zuzulassen.

Wie ist die Unterstützung im Parlament für Ihren Vorstoss?

Die Motion ist in der Sommersession leider nicht traktandiert worden. Die SP-Fraktion hatte das beantragt. Im Büro fand sich jedoch keine Mehrheit für die Traktandierung. Es hat mich auch erstaunt, dass die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) nicht selbst ein Moratorium beantragt hatte. Die Motion wird nun voraussichtlich in der Herbstsession behandelt. Wie es letztlich bei der Abstimmung herauskommt, kann ich nicht sagen, aber in der Wandelhalle habe ich viel Zustimmung erhalten, auch dass ein Moratorium angebracht sei.

Der Dringlichkeitsbeschluss wurde von Ihrer Fraktion eingereicht. Warum hat die Mehrheit im Parlament diesen abgelehnt?

Zum einen ist es das Unvermögen des Büros, eine vernünftige Traktandenliste zu machen. Es gab doch mehrere Vorstösse zur Post,  und man hätte sie alle zusammen behandeln müssen. Einer war von der CVP, der bestimmte Anforderungen an die Agenturen stellt, ein durchaus sinnvoller Vorschlag. Dieses Auseinanderreissen von Geschäften ist sehr ineffizient. Wohl auch aus Konkurrenzgründen. Anders kann ich mir z. B. die Ablehnung durch den Fraktionschef der Grünen nicht erklären.

Wo sehen Sie die Ursachen für die zunehmenden Poststellenschliessungen?

Die Post rationalisiert in einem unglaublichen Masse ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung. Das ist ein Fehler, denn es handelt sich um ein öffentliches Unternehmen. Sie kann nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien operieren, sondern muss auch Versorgungsaufgaben wahrnehmen.

Wer ist für diese Entwicklung verantwortlich?

Schlussendlich die Chefin der Post, und sie macht das ohne viel Gespür für die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Gemeinden. Sie zerstört damit auch viel Goodwill gegenüber dem Unternehmen Post. Deshalb sind jetzt der Bundesrat und das Parlament gefordert. Die Post gehört schliesslich zu 100 Prozent der Schweizer Bevölkerung.

Hängt das Ganze nicht auch mit der zunehmenden Liberalisierung zusammen? Die Post soll sich im Markt behaupten und ist deshalb unter Druck?

Nein, die Post hat das Briefmonopol immer noch, und der Druck darauf nimmt nicht zu. Was sicher eine Rolle spielt, ist der zunehmende E-Mail-Verkehr. Aber die Post hat noch ganz andere Aufgaben als z. B. die Versorgung mit reinen Postdienstleistungen in den Dörfern. Es geht auch um das Angebot von Zentrumsleistungen. Wenn Postdienstleistungen in Agenturen von Detailhandelsgeschäften angeboten werden wie z. B. nach der Schliessung der Poststelle in Valbella im «Spar», so muss die Post für ein qualifiziertes Angebot sorgen, wie es die CVP-Motion verlangt.

Was soll mit dieser erreicht werden?

Wichtig ist, dass die Angestellten in diesen Agenturen gut ausgebildet sind und auch genügend Zeit für die Postkundinnen und -kunden haben. Dann könnte es vielleicht eine Lösung sein, aber das ist bis heute nicht gewährleistet.

Sehen Sie die Bedeutung der Post über ihre Aufgaben im engeren Sinn hinaus?

Sie stellen eine ganz wichtige Frage. Der grosse Widerstand zeigt auch, dass die Post in der Schweizer Bevölkerung sehr gut verankert ist. Deshalb sind der Bundesrat und die Leitung der Post gut beraten, dem Sorge zu tragen. Es gibt kaum eine Marke, die so mit den Menschen verbunden ist, wie die Post, wenn ich nur an das gelbe Postauto denke. Daher ist es unverständlich, dass man die Post nicht fördert, sondern beschränkt. Ein weiteres Beispiel ist die Postfinance. Sie verfügt über viel Geld, und man verbietet ihr, Hypotheken zu gewähren. Das ist wirtschaftlich und in Bezug auf den Stellenwert der Post absolut unsinnig. Damit könnte die Post insbesondere für die KMU eine wichtige Finanzierungsquelle sein. Das alles nur, um die Banken vor einer Konkurrenz zu schonen.

Der Ausblick wäre also ein Ende der Poststellenschliessungen – aber wie kann man das finanzieren?

Die Postfinance macht Gewinne, und es gibt die Möglichkeit der Querfinanzierung, und das ist auch sinnvoll so. In Bezug auf die Poststellen muss man die gesetzlichen Vorgaben prüfen. Mit einem Moratorium zur Poststellenschliessung sichern wir, dass nichts präjudiziert wird. Danach braucht es eine Auslegeordnung der verschiedenen Kriterien. Die Erreichbarkeit der Poststellen ist nur eines. Die Poststelle hat in vielen Dörfern auch wichtige Zentrumsfunktionen. Die sind zu berücksichtigen. Die Reaktionen zeigen doch, dass das Vorgehen der Postchefin auf Unverständnis stösst. Die Post darf nicht von einer einäugigen Leitung zerstört werden. Das ist auch mein Appell an den Bundesrat und an das Parlament, die Situation zu überdenken. Meine Motion ist ein wichtiger Schritt dazu.

Frau Nationalrätin Leutenegger Oberholzer, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview Thomas Kaiser

 

Motion von Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer

Schliessungen von Poststellen.

Moratorium
Der Bundesrat wird aufgefordert, als Eigner der Post ein Moratorium bei der Schliessung von Poststellen zu veranlassen, bis eine konzeptionelle Netzplanung vorliegt, die über die strategische Planung des künftigen Poststellennetzes Auskunft gibt und die für die betroffene Bevölkerung Transparenz über die künftige Gestaltung des Netzes herstellt, und bis gleichzeitig feststeht, ob in Bezug auf die Erreichbarkeit der Poststellen und Agenturen eine Revision des Postgesetzes angezeigt ist.

Quelle: www.parlament.ch

«Das Poststellenschliessen muss endlich aufhören»

«Service public heisst Dienst an der Bevölkerung»

Interview mit Nationalrat Jakob Büchler, CVP/SG

Nationalrat Jakob Büchler (Bild thk)
Nationalrat Jakob Büchler (Bild thk)
Zeitgeschehen im Fokus   Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Motion?
 
Nationalrat Jakob Büchler
 
Ich möchte die Motion der Nationalratskommission unterstützen, damit es nicht noch zu weiteren  Poststellenschliessungen kommt. Denn die Lösung mit der Agentur ist auch nicht das Gelbe vom Ei. In der Agentur ist es nicht möglich, Geldverkehr abzuwickeln. Eine Post, die über Postfinance bereits ins Bankengeschäft eingestiegen ist, kann doch nicht den Zahlungsverkehr unterbinden. Mit meiner Motion möchte ich dieser Entwicklung Gegensteuer geben.
 
Geht Ihre Motion weiter als die Kommissionsmotion?
 
Sie geht eigentlich nicht weiter, aber sie soll die ganze Stossrichtung zusätzlich unterstützen. Meine Motion entstand aus folgendem Gedanken. Ich lebe in der Gemeinde Schänis, und ich habe mit dem Gemeinderat und den Postverantwortlichen im Bundeshaus eine Sitzung durchgeführt. Dabei habe ich feststellen müssen, dass bei der Post kein Millimeter Entgegenkommen vorhanden ist.
 
Wie argumentiert die Post?
 
Sie sagt: «Wir haben unser Konzept, und wir können nicht auf jede kleine Gemeinde Rücksicht nehmen. Wir müssen auf die Wirtschaftlichkeit achten.» Der Service public als Aufgabe ist gar kein Thema mehr. Man argumentiert, dass das Schaltergeschäft defizitär sei. Bundesrätin Doris Leuthard hat von 200 Millionen Franken gesprochen, aber das gesamte Geschäft der Post bringt einen Gewinn von 600 Millionen. Das ist für mich ein Widerspruch, wenn man sagt, die Sparte mit Postschalter ist nicht selbsttragend, aber das ganze Postunternehmen ist sehr gut unterwegs. Es kann nicht sein, dass man 600 Poststellen mit dem Argument schliessen will, das Postschaltergeschäft rentiere nicht.
 
Die Alternative sind dann Agenturen?
 
Die Post erklärt das so, dort, wo man eine Poststelle geschlossen habe, sei eine Agentur eingerichtet worden. Aber unter uns gesagt, die Agentur ist nicht einmal eine halbe Lösung. Man kann dort ein Päckli oder einen Brief abgeben und schauen, dass er genügend frankiert ist, mehr geht nicht. Es gibt keinen Geldverkehr in der Agentur. Es ist klar eine Verschlechterung der Situation.
 
Also sind Agenturen keine Alternative?
 
Ja, sicher nicht. Die Agentur ist irgendwo in einer Ecke in einem Dorfladen. Zahlungsverkehr kann dort nicht abgewickelt werden, denn der Besitzer oder Eigentümer von einem Dorfladen könnte das gar nicht tragen. Es bräuchte ein Kontrollsystem, es braucht Vertrauen, und das kann eine Agentur nicht leisten. Gerade im Bereich Zahlungsverkehr entspricht das nicht mehr dem Postgesetz und der Postverordnung. Die zwanzig Minuten Weg bis zur nächsten Agentur kann die Post noch einhalten, für den Zahlungsverkehr geht das nicht mehr. Das ist ein Teil der Kommissionsmotion, dass es hier eine Änderung braucht. Natürlich machen heute viele junge Leute e-Banking, das ist auch gut so, aber es ist nicht der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Demographie zeigt, dass die Menschen immer älter werden und viele haben mit dem Internet ihre Vorbehalte, nicht zu Unrecht. Man soll jetzt niemanden zwingen, e-Banking zu machen. Service public heisst Dienst an der Bevölkerung, und der darf auch etwas kosten.
 
Service public ist doch der Grundauftrag der Post. Ist dieser durch die Liberalisierung des Postwesens vermehrt in den Hintergrund gerückt? Der Gewinn muss stimmen.
 
Auf alle Fälle. Im Bereich der Post hat der Service public nicht mehr den Stellenwert, der ihm zukommen müsste. Machen wir einen Vergleich mit dem öffentlichen Verkehr. Wenn der öffentliche Verkehr nicht den Auftrag des Service public hätte, sondern gewinnbringend sein müsste, dann könnten wir keinen Zug mehr in der Schweiz fahren lassen. Das Prinzip «einer für alle, alle für einen», wie es unter der Bundeshauskuppel steht, das ist für mich der Geist des Service public.
 
Man muss also von dieser Gewinnorientierung wegkommen.
 
Ja, es ist doch völlig unverständlich. Weil die Post in einem Bereich nicht so erfolgreich, im Sinne von gewinnbringend, ist, will sie das ganze Poststellennetz ausschalten und bietet so eine halbschlaue Lösung an. Service public kostet etwas. Ein staatliches Unternehmen wie die Post darf auch etwas kosten. Wir brauchen das. Die Reaktion der Bürgerinnen und Bürger aus Städten und Dörfern zeigt ganz deutlich, dass die Post so nicht fuhrwerken kann. Sie ist kein Privatunternehmer, es ist eine Bundesstelle, die eine andere Aufgabe hat. Jetzt muss das Poststellenschliessen endlich aufhören.
 
Die Bedeutung der Post geht doch auch über das Erledigen von Postgeschäften hinaus?
 
Auf alle Fälle, sie hat eine integrative Funktion und bildet einen Treffpunkt für die Bürgerinnen und Bürger. Man trifft sich dort, spricht miteinander, auf dem Land ist es sicher so. Man trifft sich in der Post und tauscht sich aus. Gerade heute hat die Vereinsamung der Menschen ein grosses Ausmass angenommen. Und wenn die Post weg ist, dann fehlt eben etwas. Auf keinen Fall darf die Entwicklung in Richtung Gewinnorientierung weitergehen. Ich bin sehr froh, dass sich sowohl in der Kommission als auch im Parlament eine klare Mehrheit gefunden hat, die sagt: «Nein, so nicht!»
 
Damit hat Ihre Motion eine reale Chance?
 
Das hoffe ich sehr. Bis jetzt hat erst der Bundesrat diese Motion beantwortet, und das hat mich überhaupt nicht befriedigt. Nachdem die Kommissionsmotion so klar überwiesen wurde, werde ich die weitere Entwicklung beobachten. Wenn ich sehe, dass die Post sich das überlegt und einen anderen Weg einschlägt, kann ich meine Motion immer noch zurückziehen, aber als Unterstützung für die Kommissionsmotion ist sie sicher richtig.
 
Herr Nationalrat Büchler, vielen Dank für das Gespräch.
 
Interview Thomas Kaiser
 
 
Motion von Nationalrat Jakob Büchler
 
Die Schliessung von Poststellen in der Schweiz führt zu einer schlechteren Grundversorgung
 
Der Bundesrat wird beauftragt, durch eine Anpassung der Postverordnung die bessere Erreichbarkeit für das Poststellennetz sowie zu den Dienstleistungen des Zahlungsverkehrs den ländlich unterschiedlichen und regionalen Verhältnissen anzupassen.
 
 

Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung in Venezuela

von Thomas Kaiser

Seit den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung in Venezuela haben sich die Mainstream-Medien dem Thema in Lateinamerika angenommen. Man kann sich nur schwerlich des Eindrucks erwehren, dass dadurch eine Stimmung aufgebaut werden soll, die am Ende dem US-amerikanischen Präsidenten die Zustimmung verschafft, seine Androhung, in Venezuela militärisch zu intervenieren, in die Tat umzusetzen, getreu dem Muster der 70er und 80er Jahre. Damals wurden Staaten wie Chile, Nicaragua, Argentinien usw. von den USA schwer unter Druck gesetzt. Selbst die Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823 wird bemüht, in der die USA Lateinamerika zu ihrem Hinterhof erklärten. Damit nahmen sie sich das Recht heraus, die Entwicklungen in den lateinamerikanischen Ländern nach ihrem Gutdünken zu beeinflussen – zur Not mit militärischer Gewalt, wenn es darum ging, eine unliebsame Regierung zu stürzen. So scheint es auch das Ziel in Venezuela zu sein. Immer wieder wird das Argument bemüht, dass die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung illegal seien und nicht mit den Gesetzen Venezuelas übereinstimmten. Ein Gutachten des «Expertenrates für Wahlen in Lateinamerika», der international besetzt ist, kommt zu einem ganz anderen Schluss, nämlich dass die Wahlen korrekt und entsprechend der venezolanischen Verfassung abgelaufen seien. Persönlichkeiten verschiedener Länder Lateinamerikas wie z. B. Guillermo Francisco Reyes González, ehemaliger Präsident des Wahlrates in Kolumbien, oder Dr. Gastón Soto, ehemaliger Präsident des Wahlgerichts in Peru, bilden den Expertenrat. Damit wird offensichtlich, dass Venezuela eine Verleumdungskampagne zu gewärtigen hat, die der demokratisch gewählten Regierung ihre Legalität absprechen möchte. Daher scheint es dringend geboten, etwas Klarheit in die verworrene Situation zu bringen.
Über den Hergang und Ablauf der Wahlen konnte sich der ehemalige Schweizer Botschafter in Venezuela, Walter Suter, selbst ein Bild machen. Er war zum wiederholten Male vom venezolanischen Wahlrat als Wahlbegleiter eingeladen worden. Im folgenden Interview berichtet er über die Situation in Venezuela, wie er sie während seines Aufenthalts vor drei Wochen angetroffen hat. ■

«Wahlen am 30. Juli 2017 waren rechtmässig und in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Bestimmungen»

Interview mit alt Botschafter Walter Suter

alt Botschafter Walter Suter (Bild: thk)
alt Botschafter Walter Suter (Bild: thk)

Zeitgeschehen im Fokus  Sie waren während der Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung in Venezuela und haben die Wahlen als unabhängiger Experte beobachtet. Wie kam es dazu?

Walter Suter Ich war zusammen mit ca. 50 anderen Personen als sogenannter Wahlbegleiter vom nationalen Wahlrat eingeladen worden. Wahlbegleiter sind Menschen, die dem Wahlrat bekannt sind und die in ihren Herkunftsländern ein gewisses Gewicht und Ansehen haben.

Waren Sie schon bei früheren Urnengängen in dieser Funktion in Venezuela?

Ich bin schon sechs Mal in dieser Funktion tätig gewesen. Als ich noch Schweizer Botschafter in Venezuela war, von 2003 bis 2007, begleitete ich zweimal die EU-Wahlbeobachtungsmission, 2005 bei den Parlamentswahlen und 2006 bei den Präsidentschaftswahlen. Ich kenne das System genau. Im Jahre 2004 habe ich das ganze Abwahlreferendum mitgemacht. Ich kenne den Aufbau des automatisierten Wahlsystems, das im Verlauf der letzten Jahre immer mehr perfektioniert wurde.

Was heisst das?

Man kann es heute in allen Regionen des Landes einsetzen und es ist ein absolut sicheres System, was schon mehrmals auch von externen Experten bestätigt wurde. Die stärkste Bestätigung ist sicher die Parlamentswahl vor zwei Jahren gewesen. Dort hat die Opposition gewonnen und bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent. Damals hat auch die Opposition nicht an dem System gezweifelt. Und diesmal wurde erneut das genau gleiche System angewandt.

Warum hat man Sie für die letzte Wahl eingeladen?

Ich habe schon länger eine berufliche Beziehung zu diesem Wahlrat. Ich kenne den ehemaligen Präsidenten und die amtierende Präsidentin. Es ist mir damals auch gelungen, beide in die Schweiz einzuladen und mit unseren Behörden, die für die Wahlen zuständig sind, und mit dem Föderalismusinstitut in Fribourg in Verbindung zu bringen. Daraus ergab sich ein Gegenbesuch des Leiters des Föderalismusinstituts, Professor Thomas Fleiner, der Venezuela besucht und sich mit den Leitern der verschiedenen Staatsgewalten Venezuelas ausgetauscht hat. Diese enge Arbeitsbeziehung beruht also auf langjährigem Vertrauen, und daher wurde ich immer wieder eingeladen.
Könnten Sie ein Stimmungsbild geben, wie sich Ihnen die Situation in Caracas dargestellt hat.
Wir waren im Westen der Stadt in einem Hotel untergebracht, wo die Lage ruhig und für uns sicher war. In den Quartieren der reicheren Leute auf der anderen Seite der Stadt waren immer noch Barrikaden errichtet, und man musste mit Gewalt rechnen. Die Opposition hat in diesen Quartieren verhindern wollen, dass die Bewohner zur Wahl gehen können. Der Wahlrat hat bekanntgegeben, dass es gewisse Zonen im reicheren Teil von Caracas und in wenigen Städten innerhalb des Landes gegeben hat, in denen es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen ist. Teilweise wollte man die Stimmabgabe der Menschen verhindern.

Waren die Verantwortlichen darauf vorbereitet?

Ja, die Behörden ergriffen im Vorfeld Sicherheitsmassnahmen, die auch Wirkung zeigten. Personen, die aus diesen erwähnten Zonen waren und wählen wollten, konnten das in einem Ersatzwahlbüro machen. In einem grossen Sportstadion hat man solch ein Wahlzentrum eingerichtet. Dort gab es gegen 100 Wahlkabinen. Dennoch mussten die Menschen in langen Schlangen ausharren, bis sie ihre Stimme abgeben konnten. Die Menschen standen in der prallen Sonne, wollten ihr Wahlrecht jedoch unbedingt ausüben.

Gab es noch andere Massnahmen?

Wie bei allen Wahlen oder Abstimmungen haben die Behörden die Armee zur Gewährung der Sicherheit und zur Sicherung der Wahlzentren aufbieten lassen. Das hat gut funktioniert. Für die 40 000 Wahlzentren in ganzen Land sind 220 000 Mann aufgeboten worden.  

Wie sah Ihre Aufgabe am Wahltag aus?

Als Wahlbegleiter haben wir erst die ganzen Abläufe für die Einrichtung der Wahlzentren und die Überprüfung der Funktionstüchtigkeit des Wahlsystems beobachtet. Dann am Wahltag selbst den geordneten rechtmässigen Ablauf der Stimmabgabe wie auch die Auszählung und Übermittlung der Resultate an das Rechenzentrum des Nationalen Wahlrats in Caracas.

Das heisst, Sie konnten schon vor der Wahl Kontrollfunktionen ausüben?

Ja, wir konnten jeden einzelnen Schritt beobachten. Das ist Courant normal. Das geschieht bei jeder Wahl. Die Mitglieder der Wahlbüros werden unter den im Wahlregister Eingeschriebenen ausgelost, d.h., es kann jeden treffen, von links bis rechts.

Das heisst auch Oppositionelle?

Ja, natürlich. Es sind alle eingeladen gewesen, dabei mitzuhelfen, wenn sie aber fernbleiben, ist das letztlich ihr Problem.
Wie hoch war die Wahlbeteiligung?
Es waren 42 %, in konkreten Zahlen über 8 Millionen. Die Wählenden haben 545 Abgeordnete gewählt. Das Wahlgesetz sieht keine Minimalbeteiligung vor. Daher ist die Wahl gültig.

Wenn die Opposition zum Boykott aufruft, schneidet sie sich eigentlich ins eigene Fleisch. Das war wohl auch nicht das erste Mal?

Jawohl, im Jahre 2005 bei den Parlamentswahlen haben sie sich in der letzten Minute von der Wahl zurückgezogen. Ein paar Tage vor der Wahl hatten wir von der EU-Wahlbeobachtungsmission aus eine Sitzung mit den Parteispitzen. Dabei wurde die Opposition nochmals darauf angesprochen, dass das Gerücht herumgeistere, sie würden sich von den Wahlen zurückziehen. Das haben sie dementiert, sich aber drei Tage später dennoch zurückgezogen. Die Wahlen waren gesetzlich trotzdem gültig. Damit hatte die Opposition für fünf Jahre einen wichtigen politischen Raum aufgegeben, was völlig sinnlos war. Weil sie ihre Kandidaten zurückgezogen hatten, fielen alle abgegebenen Stimmen auf die Kandidaten der Regierungspartei, die damit 100 % erreichte.

Noch eine Frage zur Verfassungsänderung. Das ist die Aufgabe der verfassungsgebenden Versammlung. Aber es gibt immer wieder Meldungen, Maduro mache aus Venezuela eine Diktatur. Wissen Sie etwas über die Hintergründe dieser Verfassungsreform?

Die Idee Maduros, die verfassungsgebende Versammlung einzuberufen, entstand aus der Blockade heraus, die nach den Parlamentswahlen im Herbst 2015 eingetreten war. Die Regierung hatte mehrmals die Opposition zum Dialog eingeladen. Aber sie hat sich konstant geweigert. Um die Blockierung zu lösen und weitere organisierte Gewalt der Opposition zu verhindern, sah der Präsident darin eine Möglichkeit, zu einer konstruktiven Entwicklung und zum Frieden im Land zu kommen.

Wie hat sich die Regierung das vorgestellt?

Maduro sprach von einer Auslegeordnung der Verfassung. Die Artikel sollten gemeinsam diskutiert werden, um zu einem Konsens zu kommen. Das hat die Opposition verweigert. Dennoch kann die Opposition im Verlauf der künftigen Debatten im Verfassungsrat über die Präsentation von Verfassungs-Teilprojekten ihrer Mitgliederorganisationen mitreden. Auf diesem Weg will man den Frieden sichern und so einen grossen Raum für den Dialog schaffen, der allen Bürgern offen steht.

Wie setzt sich der Verfassungsrat zusammen?

Das ist etwas Spezielles. Es sollen nicht nur die Vertreter der 335 Gemeinden gewählt werden, sondern auch Vertreter aus den Berufssektoren, die kandidieren können, wenn sie nachweislich einen Beruf haben, damit möglichst alle sozialen Schichten, aber auch Behinderte und Alte darin vertreten sind. Das ist etwas Neues. Früher waren diese Versammlungen mit Experten bestückt worden, jetzt will man eine Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten, das ist das, was man in Venezuela unter der partizipativen Demokratie versteht. Die Opposition war ebenfalls dazu eingeladen, sie hätten sich für die Wahl einschreiben können, und wenn 80 Prozent der Bevölkerung hinter der Opposition stünden, wie sie immer behaupten, dann hätten sie die Mehrheit in diesem Gremium gehabt und die Verfassung nach ihrem Gutdünken beeinflussen können.

Geht es bei der Verfassungsänderung nicht auch um eine Sicherung der sozialen Errungenschaften, damit diese bei einem allfälligen Regierungswechsel nicht einfach ignoriert werden können?

Ja, darum geht es auch. Die Regierung schlägt vor, die ganzen sozialen Errungenschaften im Bereich der Bildung, der Gesundheitsversorgung, des sozialen Wohnungsbaus etc. in der Verfassung festzuschreiben.
Zusammengefasst kann man sagen, die Opposition ist immer eingeladen gewesen, sich an einem konstruktiven Dialog zu beteiligen. Den hat sie jedoch auf der ganzen Linie verweigert. Es geht im Grundsatz darum, den Frieden im Land zu erhalten und die gewalttätige Konfrontation zu beenden.

Die von den USA und der EU verhängten Sanktionen haben unter dem Aspekt, wie Sie jetzt die Lage dargestellt haben, keine Rechtfertigung.

Die Legalität der Durchführung der Verfassungsgebenden Versammlung Venezuelas in dieser Form wurde vom lateinamerikanischen Expertenrat (CEELA), der sich aus ehemaligen Leitern von Wahlbehörden lateinamerikanischer Länder zusammensetzt und politisch eher rechts steht, bestätigt. Er hat schon über 120 Wahlprozesse beurteilt und verlauten lassen, dass die Wahlen am 30. Juli 2017 rechtmässig und in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Bestimmungen durchgeführt worden seien. Diese entscheidende Beurteilung des Wahlprozesses durch unabhängige Wahlexperten, die in ganz Lateinamerika legitimiert sind, wird von den Mainstream-Medien totgeschwiegen, da sonst offensichtlich würde, dass Venezuela mit Propaganda verunglimpft wird. Die Sanktionen sind, da sie nicht von der Uno verfügt wurden, absolut völkerrechtswidrig und widersprechen Sinn und Geist der Uno-­Charta.  

Herr alt Botschafter Suter, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview Thomas Kaiser

 

 

Stellungnahme des Unabhängigen Experten der Uno für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung, Alfred de Zayas, zur Lage in Venezuela

Alfred de Zayas appelliert an die Staatengemeinschaft, sich nicht in die internen Angelegenheiten Venezuelas einzumischen und einseitig verhängte Zwangsmassnahmen zu unterlassen, denn Sanktionen würden die Lage verschärfen und sogar den Frieden in der Region gefährden.
«Indessen sollten Beratungen und technische Unterstützung für Länder in Schwierigkeiten als ein konstruktiver Lösungsansatz gefördert werden, um die Schwierigkeiten überwinden zu können», erklärte de Zayas. «Drohungen oder das Verhängen von Sanktionen schaden einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung und sind unvereinbar mit der UNO Charta, insbesonders mit der Verpflichtung von Staaten, Eingriffe in die internen Angelegenheiten anderer Staaten zu unterlassen.»
Des weiteren richtete de Zayas die Aufmerksamkeit auf die grundlegenden Prinzipien des internationalen Rechts, wie sie in der Uno-Charta und zahllosen Uno-Resolutionen, einschliesslich der Erklärung 2625 der Generalversammlung über freundschaftliche Beziehungen¹ zum Ausdruck kommen. Diese setzt u.a. fest, dass «die Staaten ihre internationalen Beziehungen auf wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem und technischem Gebiet und auf dem Gebiet des Handels im Einklang mit den Grundsätzen der souveränen Gleichheit und der Nichtintervention»² gestalten.
Es sei nochmals hervorgehoben, dass das verabschiedete Schlussdokument des Weltgipfels der Vereinten Nationen von 2005 betont, dass «Demokratie, Entwicklung, Beachtung der Menschenrechte und grundlegende Freiheiten voneinander abhängig sind und sich gegenseitig verstärken» und dass, «obwohl Demokratien gemeinsame Merkmale besitzen, es nicht nur ein Modell von Demokratie gibt.» Die fortgesetzten Bemühungen einiger Länder, in Venezuela eine demokratisch gewählte Regierung zu destabilisieren und den Wahlprozess vom 30. Juli zu delegitimieren, läuft den Zielen des Weltgipfels zuwider, sowohl Demokratie als auch Entwicklung voranzubringen. Ferner schwächen sie die Anstrengungen des venezolanischen Volkes, durch einen offenen Dialog unter den Parteien ohne fremde Einmischung seine Schwierigkeiten selbst zu lösen. Im Besonderen widersprechen die Androhung oder das Verhängen von Sanktionen gegen Venezuela und gegen einzelne Persönlichkeiten in Venezuela internationalem Gewohnheitsrecht die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten betreffend. Sie verschärfen ferner die wirtschaftlichen Probleme des Landes, von denen viele ausländischen Interventionen zugeschrieben werden müssen.
Der Unabhängige Experte fordert sofortige Schlichtungsmassnahmen, die auch die Untersuchung von Todesfällen während des Wahlkampfs beinhalten. Respekt aller Beteiligten vor der Rechtsstaatlichkeit und allen Menschenrechten, wie sie im ICCPR³ und im ICESCR⁴ niedergelegt sind, sind grundlegend für die Wiederherstellung des sozialen Friedens.
Gemäss Artikel 21 des ICCPR muss das Recht aller Personen auf eine friedliche Versammlung anerkannt werden. Der Staat hat aber eine Verpfichtung, die nationale Sicherheit und den inneren Frieden des Landes zu gewährleisten.  Demonstranten, die gewalttätig gegen Polizisten vorgehen können, sich nicht auf die Menschenrechte berufen.
Abschliessend fordert der Unabhängige Experte von allen Beteiligten in Venezuela  im Hinblick auf die geplanten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2018, in Treu und Glauben in einen Dialog zu treten. Der Unabhängige Experte verurteilt die mediale Desinformation und Agitation. Ausländische Interventionen jedweder Art werden die Lage nur noch verschärfen und das Recht der Venezolaner, über ihre eigene Zukunft zu bestimmen, verletzen.
Die Uneinigkeiten zwischen den Parteien können nur durch Dialog und Konsensbildung unter voller Respektierung der Rechtsstaatlichkeit, Souveränität und Selbstbestimmung überwunden werden.  Jeder Versuch, die Regierung durch Gewalt zu stürzen, muss verurteilt werden.  Man erinnert sich an den Putsch gegen Hugo Chávez in Jahr 2002. Ausländische Interessen haben seinerzeit mitgewirkt, und es scheint, dass sie wieder einen Coup d’état anstreben, anstatt die nächsten demokratischen Wahlen abzuwarten.

Siehe http://www.ohchr.org/EN/Issues/IntOrder/Pages/Articles.aspx „On the situation in Venezuela“

¹  Erklärung über Grundsätze des Völkerrechts betreffend freundschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit zwischen den Staaten im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen (1970)
Original: Declaration on Principles of International Law concerning Friendly Relations and Co-operation among States in accordance with the Charter of the United Nations
www.un.org/depts/german/gv-early/ar2625.pdf
³  Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte
⁴  Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte

«Zum ersten Mal können wir selber entscheiden, was wir wirklich wollen!» – Lokale Demokratie in Vietnam

von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Samuel Wälty, der für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) 2011 bis 2015 in Vietnam tätig war, gab in diesem Frühsommer Einblick in eines der Herzstücke schweizerischer Entwicklungszusammenarbeit: Die aktive, demokratische Mitwirkung der Bevölkerung in Dörfern und Gemeinden zu entwickeln und zu stärken. Seit 2008 wurden im Norden Vietnams vor Ort gleichberechtigt von Bevölkerung und Behörden gemeinsam anstehende Aufgaben und Arbeiten sowie deren Finanzierung diskutiert, im Detail geplant und gemeinsam ausgeführt – mit nachhaltigem Erfolg. Bis 2016 wurde in zwei vietnamesischen Provinzen in allen Dörfern und Gemeinden lokale Demokratie eingeführt.

Zuordnung von Prioritäten von Kleinprojekten in einem Dorf in der Provinz Hoa Binh (Projekt PSARD). (Bild: © Helvetas Swiss Intercooperation Vietnam, zur Verfügung gestellt von der DEZA)

Zuordnung von Prioritäten von Kleinprojekten in einem Dorf in der Provinz Hoa Binh (Projekt PSARD).

(Bild: © Helvetas Swiss Intercooperation Vietnam, zur Verfügung gestellt von der DEZA)



Politische und wirtschaftliche Reformen haben in Vietnam seit 1986 dazu beigetragen, dass Hunger und massives Elend heute der Vergangenheit angehören. Eine schmale Schicht von Begüterten existiert. Die meisten Vietnamesen leben jedoch als Bauern in bescheidenen Verhältnissen auf dem Lande (70 %). Die Bergregionen, in denen die ethnischen Minderheiten¹ leben, sind nur schwach entwickelt, strukturell benachteiligt und entsprechend arm – so die vietnamesische Regierung.² Dort hat die DEZA seit 2008 in den nördlichen Provinzen Cao Bang und Hoa Binh zusammen mit den Behörden und der Bevölkerung das Projekt PSARD (Public Service Provision Improvement Programme in Agriculture and Rural Development) entwickelt.

Lokale Demokratie – grundlegend für die Entwicklung

Die schweizerische Tradition der direkten Demokratie auf Dorf- und Gemeindeebene, das Fundament der Schweiz, wurde grundlegend für die schweizerisch-vietnamesische Entwicklungszusammenarbeit, so auch für das Projekt PSARD. Dies wurde durch das Vertrauen  möglich, das sich in der vietnamesisch-schweizerischen Zusammenarbeit entwickelt hatte. Die vietnamesischen Beamten liessen sich für das Experiment in lokaler Demokratie gewinnen, und dies im sozialistischen, zentralistisch geführten Vietnam.
Die Beamten setzten sich in ihren Gemeinden und Dörfern mit der lokalen Bevölkerung zusammen, um zu erfahren, was am Notwendigsten gebraucht wird. Dann wurde konkret und detailliert geplant und in gemeinsamer Arbeit umgesetzt. In einem der Dörfer holten die Frauen ihr Wasser aus dem Bach und trugen die 20-Liter-Kanister auf ihrem Rücken ins Dorf. Hier einigte man sich auf den Bau eines Wasserreservoirs und einer Wasserleitung. Bei der Umsetzung mit Hacke und Schaufel legte jeder Hand an, auch die Mütter mit ihren Kleinsten im Tragtuch auf dem Rücken. Heute können sich 53 Familien mit ihren Tieren und Gärten mit sauberem, gesunden Wasser versorgen. «Es ist jetzt viel einfacher. Es war hart, das Wasser von so weit her zu holen», so eine der Bäuerinnen, «nun haben wir das Wasser hier im Dorf. Wir sind mehr als glücklich.»³
Zuerst wurde PSARD mit drei Projekten auf Dorf- und Gemeindeebene erprobt. Die praktischen Erfahrungen und Ergebnisse überzeugten. Der stellvertretende Leiter des Finanzdepartements der Provinz Hoa Binh, Nguyen Thi Huyen, sagt: «Es ist jetzt einfacher, weil wir uns nach den Bedürfnissen der Menschen erkundigen. Dadurch sind die Leute im Gegensatz zu früher auch bereit, das, was wir tun, zu unterstützen und sich daran zu beteiligen.»⁴ In der Folge wurde das Projekt bis 2010 auf drei Bezirke in Hoa Binh und zwei Bezirke in Cao Bang ausgeweitet.

Projekte auf partizipativer Grundlage effizienter

Die Bevölkerung beteiligte sich gerne aktiv und mit eigenen Ressourcen an der Planung und Umsetzung der neuen Infrastrukturprojekte. Das staatliche Fernsehen VTV1 berichtete über den Bau eines Bewässerungskanals: «Die Leute haben die Pläne selbst gemacht, das Material selbst gekauft und beteiligten sich nun mit ihrer Arbeitskraft am Bau. (…) Die Verluste sind gleich null, weil es ihr eigenes Projekt ist.»
Als deutlich wurde, dass Projekte auf partizipativer Grundlage effizienter, besser und auch kostengünstiger erstellt werden konnten als im herkömmlichen staatlichen Top-Down-Verfahren, erhielt PSARD die uneingeschränkte Unterstützung der Provinzregierungen. Ab 2011 übernahmen diese 30 % der Kosten für das gesamte Projekt. «Wenn sich ein Projektpartner materiell beteiligt, ist das ein guter Indikator für den Erfolg», bilanziert Samuel Wälty.⁵ Ab 2011 wurde PSARD mit direkten Projektverträgen zwischen der DEZA und den Provinzregierungen für alle 199 Gemeinden in der Provinz Cao Bang und für alle 210 Gemeinden in der Provinz Hoa Binh verbindlich gemacht. 2015 konnte sich die DEZA zurückziehen, und die beiden Provinzen übernahmen mit den Fünfjahresplänen 2016 bis 2020 die Verantwortung für die Weiterführung von PSARD.

Finanzierung und Feldschulen

Finanziert werden diese Gemeinwerke über die Gemeindeentwicklungsfonds in Form einer Gemeindepauschale. So konnten die Gemeinden Erfahrungen beim sorgfältigen Einsatz von Finanzen sammeln.
Zu PSARD gehören auch die Feldschulen, mit denen die staatliche landwirtschaftliche Beratung neu partizipativ gestaltet wird. Vor Ort entscheiden die Bauern, was sie für ihre Landwirtschaft brauchen, und lernen in Gruppen auf dem Feld oder bei ihren Tieren, wie das neue Wissen konkret erfolgreich angewendet werden kann. In einem kleinen Dorf wollten die Bauern in einem Kurs erfahren, wie sie ihre Rinder füttern müssen, damit sie Fett und Fleisch ansetzen. Der Bauer Trieu Gian Toong zog seit Jahren Rinder auf. Aber er wusste nicht, wie diese zu mehr Gewicht kommen. Auf dem Markt erzielte er so nie einen guten Preis. Jetzt hat er gelernt, wie er seine Rinder fachgerecht füttern kann. Für die Familien führt das zu einem besseren Einkommen und damit zu besseren Lebensbedingungen.⁶

Gemeinsamer Bau einer Zufahrtstrasse zu einem Dorf  (PSARD-Projekt) (Bild: © SDC/Matthew Bennett, zur Verfügung gestellt von der DEZA)

Gemeinsamer Bau einer Zufahrtstrasse zu einem Dorf  (PSARD-Projekt) (Bild: © SDC/Matthew Bennett, zur Verfügung gestellt von der DEZA)

 

Lokale Demokratie stärkt das Vertrauen in die eigene Kraft

Mit der Erfahrung, dass man in den Belangen des Dorfes und der Gemeinde mit seiner Meinung und seinen Überlegungen gefragt ist, mitgestalten und mitbestimmen kann, wächst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die eigene Kraft. Man wartet nicht auf Segnungen von oben, man packt selber an.
«Mein Haus befindet sich auf der anderen Seite. Wir benutzen diese Strasse nicht oft, aber als unsere Nachbarn daran arbeiteten, halfen wir auch mit. Unsere Familie steuerte sogar zwei zusätzliche Arbeitstage bei. Es ist praktischer, wenn wir eine bessere Strasse haben, und wir machen es für uns selber. Die Regierung kommt nicht hierher, um sie zu benutzen. Wir aber benutzen sie mehrmals am Tag.», so eine Mutter aus der Provinz Cao Bang.⁷

In die Zukunft wirken

Der Entwicklungsansatz von PSARD stösst auch in anderen Provinzen auf grosses Interesse. Auf nationaler Ebene wird dieser nun bei der Armutsbekämpfung nutzbar gemacht. In Laos unterstützt die DEZA seit 2008 die Bekämpfung der Armut mit dem partizipativen Entwicklungsansatz in enger Zusammenarbeit mit der dortigen Regierung.

Fazit aus PSARD für die DEZA

Für die künftige Arbeit der DEZA, so Samuel Wälty, ergeben sich aus PSARD folgende Erkenntnisse: Damit Projekte nach Rückzug der DEZA für die Zukunft gesichert sind, müssen sie von den Behörden in die staatlichen Budgets und Strukturen eingebunden werden. Das gelingt, wenn Behörden auf Dorf-, Gemeinde-, Bezirks- und Provinzebene in konkreten Projekten erleben, dass ein partizipativer Entwicklungsansatz erfolgreicher ist als eine Top-down-Strategie. Das braucht seine Zeit und «eine echte Partnerschaft und Engagement auf beiden Seiten.»⁸
Projekte müssen den lokalen Gegebenheiten angepasst, einfach und zweckmässig sein, damit sie von den Gemeinden übernommen, finanziert und personell weitergeführt werden können. «Ziel waren gute Projekte, nicht die aufwendigsten Verfahren (…) Perfektion kostet mehr, als die Provinzen zur Verfügung stellen konnten, und braucht mehr Zeit, als Behörden und Bürger einsetzen wollten»,⁹ so Samuel Wälty. Cao Bang und Hoa Binh zeigen, dass solche Projekte mit entsprechender Breitenwirkung auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt werden können.
Das, was in unermüdlicher Arbeit über Generationen in der Schweiz an demokratischen Grundlagen errungen worden ist, für Mitmenschen in den Ländern des Südens anwendbar zu machen so wie in Vietnam, ist etwas, was die Schweiz in der Entwicklungszusammenarbeit zu geben hat. ■

Quelle: DEZA Asia Brief, 1/2017

¹In Vietnam gibt es 54 verschiedene Volksgruppen. Die grösste Gruppe, fast 90 % der Bevölkerung, sind die Vieth.
²Nadja Charaby, Das extraktivistische Wachstumsmodell in Vietnam, Stiftung Asienhaus, Köln, Dezember 2015, S.2
³Helvetas, Voices of the Villages. Video.
⁴DEZA, Asia Brief, 2/2016
⁵DEZA, Eine Welt, Nr. 2, Juni 2017, S.24–25
⁶Helvetas, Voices of the Villages. Video
⁷DEZA, Asia Brief 2/2016
⁸DEZA, Asia Brief 2/2016
⁹DEZA, Eine Welt, 2/2017

 

PSARD hat die Lebensbedingungen der Minderheiten entscheidend verbessert
Im Rahmen von PSARD wurden 1500 Gemeindeentwicklungspläne verfasst. An den konkreten Planungen vor Ort waren rund 780 000 Haushalte beteiligt. 3500 Projekte wurden umgesetzt in den Bereichen Landwirtschaft (Dammbau, Bewässerung), Verkehrswege (Strassen, Brücken), Gesundheitsvorsorge (Trinkwasser, Toiletten) und Bildung (Kindergärten, Schulen, Kulturzentren). Von den Gesamtkosten von 13,5 Millionen Franken wurden 42 % von den 790 000 Bewohnern der Dörfer und Gemeinden berappt.
105 000 Bauern konnten seit 2011 an Landwirtschaftskursen in Feldschulen (4400 Kurse) teilnehmen. Die Folge war eine durchschnittliche Steigerung der Produktion um 25 %.

25 Jahre vietnamesisch-schweiz­erische Zusammenarbeit
Seit 25 Jahren besteht zwischen der DEZA und der Sozialistischen Republik Vietnam eine fruchtbare Zusammenarbeit in Entwicklungsfragen. Nachdem Vietnam 1986 politische und wirtschaftliche Neuerungen (Doi Moi) einführte, wurde das Verbot des Privatbesitzes an Produktionsmitteln aufgehoben und die Wirtschaft für ausländische Investoren geöffnet. Hier setzte 1992 das erste Entwicklungsprojekt an. Mit dem Asia-Institute of Technology (AIT) und vier vietnamesischen Universitäten entwickelte die DEZA das AIT-Management-Projekt zur Ausbildung von Führungskräften für private Unternehmen und staatliche Stellen. Bis Ende 2016 unterstützte die DEZA über 32 Entwicklungsprogramme in den Bereichen Ausbildung, Städteplanung, öffentliche Verwaltung und Dienstleistungen, ländliche Entwicklung, Marktzugang für die Bauern oder Armutsbekämpfung, welche 4,6 bis 6,8 Millionen Vietnamesen zugute kamen. War Vietnam 1992 noch eines der ärmsten Länder weltweit, gehört es heute zu den Middle-Income Countries (MIC, Länder mit mittleren Einkommen im unteren Bereich). Ab 2017 wendet sich die DEZA daher bedürftigeren Ländern zu. Für die weitere bilaterale Zusammenarbeit mit Vietnam bleibt das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) zuständig.

«Die Kompetenz-Worthülsen werden hoffentlich auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen»

Bildungsplan und Kompetenzraster am Beispiel des Faches Alltagskultur, Ernährung, Soziales (AES) in Baden-Württemberg – was soll da gelernt werden?

von Judith Schlenker

Da sitze ich nun vor dem neuen Lehrplan für das Fach AES in Baden-Württemberg und bin froh, in meinen 40 Dienstjahren so viel Unterrichtserfahrung gesammelt zu haben. Warum? Weil das, was mir hier als vom Ministerium herausgegebener Bildungsplan vorliegt, zu vielem taugt, nur zu einem nicht: einen vernünftigen Unterricht im ehemaligen Fach Hauswirtschaft/Textiles Werken (HTW, so hiess das noch, als ich es studierte, und noch sehr lange danach) zu generieren.

Aber von Anfang an: Die rot-grüne Vorgängerregierung der jetzigen grün-schwarzen baden-württembergischen Regierung hatte sich vorgenommen, den Bildungsplan für die Sekundarstufe I zu modernisieren und an die Gegebenheiten der modernen Welt anzupassen (Stichwort: Bildung für nachhaltige Entwicklung, Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt usw.). Das tat sie dann auch und legte vor gut einem Jahr einen 57-seitigen Bildungsplan für das Fach AES vor, der in weiten Teilen den Namen eigentlich nicht mehr verdient. Denn die reine Kompetenzorientierung dieses Bildungsplans ist ein Widerspruch zu Bildung im humanistischen Sinne an sich. Das Kompetenzdenken, dem jetzt alle Lehrer verpflichtet sind (und das nicht nur in Baden-Württemberg), basiert auf dem reduktionistischen Menschenbild des Homo oeconomicus, einem Menschenbild, das den Schülerinnen und Schülern in keiner Weise gerecht wird, weil sie in unzulässiger Weise auf ihre Existenz als Konsumenten reduziert werden. Diese Ausrichtung von Unterricht auf (leichter messbare?) Kompetenzen betrachtet Lerninhalte einzig und allein unter dem Aspekt des Nutzens, der Anwendbarkeit und der Verwertbarkeit und bietet keine Kriterien für die Auswahl und (Be)Wertung von Unterrichtsinhalten an. Nicht umsonst spricht man in der Fachwelt schon von einem Verlust der Inhalte, denn für den Erwerb von «Lesekompetenz» beispielsweise ist es zweitrangig, ob ich das anhand einer Gebrauchsanleitung oder eines Gedichts von Goethe oder Schiller tue. Aber, um in einem Bild meines Schulfaches zu bleiben: «Fähigkeiten ohne Inhalte vermitteln zu wollen, kommt dem ‹Strickenlernen ohne Wolle› gleich und führt nachweisbar zum Verlust von Wissen und Können.» (J. Krautz) Kompetenzorientierung ist eine reine Anpassung der Schülerinnen und Schüler an die Vorgaben der Wirtschaft. So wie die OECD, die hinter all diesen sogenannt neuen Lehrplänen (ob in Deutschland oder der Schweiz) steckt, es selbst definiert hat: Kompetenzen dienen dazu, «sich an eine durch Wandel, Komplexität und wechselseitige Abhängigkeit gekennzeichnete Welt anzupassen.» (J. Krautz)

Dem Anything-goes Tür und Tor geöffnet

Als wäre das nicht genug, müssen wir jetzt in den Realschulen in Baden-Württemberg künftig in verschiedenen Niveaustufen unterrichten, das heisst im «Grundlegenden Niveau» (das zum Hauptschulabschluss führt) und im «Mittleren Niveau» (das zur Mittleren Reife führt) und an ausgewählten Schulen auch im «Erweiterten Niveau» (das zum Abitur führen soll).
Damit Sie sich als Leser ein Bild machen können von dem, was ich vorliegen habe, füge ich hier zwei Auszüge aus dem Bildungsplan für das Fach AES in Baden-Württemberg bei. (vgl. Tabellen unten) Beachten Sie bitte dabei auch einmal die künstlich eingebrachten Niveauunterschiede! Spätestens jetzt wird deutlich, was ich oben beschrieben habe: Ein Junglehrer, ein Berufsanfänger mit wenig Erfahrung, weiss doch mit diesen Vorgaben nichts anzufangen. Was soll denn der Unterrichtsinhalt sein, wenn die Schülerinnen und Schüler «ihre auf Essen, Ernährung und Körper bezogenen individuellen Alltagsvorstellungen nennen können»? Da ist doch der Beliebigkeit und dem Anything-goes Tür und Tor geöffnet. «Ich habe eine Gemüseallergie.» «Bei uns gibt’s nur Spaghetti, Pizza und Döner.» «Mir egal, ob meine Ernährung ungesund ist, Hauptsache es schmeckt.» «Karotten sind Hasenfutter.» Im besten Falle wird hier das Lehrbuch zum inhaltgebenden Faktor, aber nur, wenn dort dann der Ernährungskreis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und die Ernährungspyramide der AID aufgeführt sind, die als Orientierungsmuster dienen.
So viel zum Thema Ernährung. Die Essbiografie steht gleichwertig neben dem ernährungsbezogenen Wissen und der sachgerechten Zubereitung von Lebensmitteln. Eine fundierte Vermittlung von Küchentechniken und die Kochpraxis fallen der schieren Menge von Kompetenzen zum Opfer.
Noch besser wird es beim Thema «Körper und Körpergestaltungen». Sollen wir in Zukunft mit unseren Schülerinnen und Schülern die Bedeutung von Piercings und Schönheitsoperationen für das persönliche Wohlbefinden diskutieren, frei nach dem Motto: «Papa, zum Geburtstag wünsche ich mir eine neue Nase.»?

Hauptsache die Kompetenzraster sind erfüllt

Um den Lehrerinnen und Lehrern eine Idee zu geben, wie die Umsetzung der Kompetenzen in ein Curriculum für die jeweilige Schule geschehen soll, kann man auf der Homepage des Landesinstituts für Schulentwicklung Baden-Württemberg die beiden Beispielcurricula für das Fach AES aufrufen.  Für dieselben sogenannten inhaltsbezogenen Kompetenzen gibt es dort zwei völlig unterschiedliche Curricula. Das heisst nichts anderes, als dass eine Schule sich für das eine Curriculum entscheiden kann, die Nachbarschule für das zweite Beispiel, und wieder eine andere Schule selber eines erstellt. Ein Schulwechsel wird für die Schülerin oder den Schüler zum Vabanque-Spiel. Unter Umständen lernt sie oder er, nie richtig zu kochen, geschweige denn zu nähen oder eines der flächenbildenden Verfahren wie Stricken oder Häkeln. Vermutlich soll das auch so sein. Wozu haben wir die vielen Convenienceprodukte, die uns das Leben so einfach machen? Packung auf, Mikrowelle an, und schon haben wir ein wunderbar genormtes, mit ganz vielen Zusatz- und Geschmacksstoffen versetztes Essen, das uns im besten Falle satt und im schlimmsten Falle krank macht. Und wozu gibt es Volkshochschulkurse oder private Anbieter, bei denen man Nähen, Stricken oder Häkeln lernen kann? Hauptsache die Kompetenzraster sind erfüllt.

Eine verpasste Chance

Warum das so eine Katastrophe ist? Als ich gehört habe, dass mein ursprünglich HTW (Hauswirtschaft/Textiles Werken), später dann MUM (Mensch und Umwelt) genanntes Fach nun AES (Alltagskultur, Ernährung, Soziales) werden sollte, hoffte ich für kurze Zeit, wir würden ein Fach bekommen, das jeder Schüler in verschiedenen Klassenstufen hat, und in dem er etwas über gesunde Lebensweise, gesunde Ernährung, nachhaltiges Wirtschaften oder die Vorteile regionaler und saisonaler Produkte erfahren würde. Weit gefehlt. Nach wie vor ist AES im Wahlpflichtbereich angesiedelt ab Klasse 7, und die Schülerinnen und Schüler wählen zwischen Französisch als zweite Fremdsprache, AES oder Technischem Arbeiten. Schade eigentlich, denn es handelt sich hier um eine verpasste Chance, den jungen Menschen das beizubringen, was viele Kinder zu Hause nicht mehr lernen: den sachgerechten Umgang mit Lebensmitteln, Kriterien für eine gesunde Lebensweise, einen nachhaltigen Einkauf von Lebensmitteln und Textilien, grundlegende Techniken der Nahrungszubereitung und der Textilherstellung, Wissen über den Zusammenhang von gesunder Ernährung und Lebensweise und vieles mehr. Wer ein solides Wissen um die Zusammenhänge hat, der wird unabhängig und kann sich bewusst für etwas entscheiden; er kann neue Informationen einordnen und bewerten, das heisst, er ist im besten Sinne «aufgeklärt». Ich kann meinen jungen Kolleginnen und Kollegen nur wünschen, dass sie nie vergessen, warum sie diesen schönen Beruf ergriffen haben, und dass sie Pädagogen im eigentlichen Wortsinn bleiben, denen die «Bildung» der ihnen anvertrauten Kinder am Herzen liegt. Dann werden die Kompetenz-Worthülsen hoffentlich auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen, wo sie auch hingehören. ■

www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/AES

www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/AES

www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/AES

www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/AES

 

 

Worauf es beim Lernen ankommt

von Dr. phil. Alfred Burger

Momentan ist das Lernen mit Tablets oder Computern in aller Munde. Den Lehrer, wie wir ihn gekannt haben, soll es nicht mehr geben. Der «neue» Lehrer ist Lernbegleiter und stellt für die Kinder höchstens entsprechendes Lernmaterial bereit. Ein wichtiger Teil des Lernens soll in Zukunft das Lernen mit Computerprogrammen ausmachen. Diese Programme erkennen den Lernstand der einzelnen Kinder und geben ihnen individuell auf sie zugeschnitten den Lernstoff. Möglich ist das mit Algorithmen, Programmen, die mit den Lernenden kommunizieren können. Das digitale Lernen soll den Lehrer mehr oder weniger ersetzen. Angeblich ist das billiger und soll effizienter und auf die Individualität der Kinder abgestimmt sein. Das alles tönt gut, hat aber mit der Realität des Lernens in der Schule rein gar nichts zu tun. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen jetzt schon, dass Kinder mit Computern schlechter lernen. Eine Maschine, die den Lehrer ersetzen soll, kann niemals funktionieren. Für das Lernen in den Schulen, vor allem in den unteren Klassen, braucht es den Lehrer unabdingbar.

Der Mensch kommt in einem Zustand allergrösster Hilflosigkeit auf die Welt. Ohne Beziehungspersonen würde er nicht überleben. In dieser Tatsache sieht Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, einen der Hauptgründe, warum jeder Mensch lernen will und muss. Er möchte sich aus diesem Zustand der Unterlegenheit befreien und ein Mitglied der Gemeinschaft werden. Das kann er dank seiner  Lernfähigkeit. Er muss dazu ungemein viel und in kurzer Zeit lernen. Alles Lernen ist nach Adler auf die Mitmenschen ausgerichtet, Lernen ohne Bezug zu den Beziehungspersonen ist gar nicht möglich. Das Kind lernt in Ausrichtung auf die Mutter und den Vater, sie freuen sich und ermutigen es, noch mehr zu lernen. Positive Rückmeldungen der Eltern spornen es an. Immer schaut es auf die Eltern, ob sie es auch sehen, was es alles schon kann. Im Schulalter sind es Lehrerinnen und Lehrer oder auch andere Erwachsene, auf die es sich ausrichtet. Wenn die Kinder klein sind, können sie noch nicht für sich lernen, die Ansprüche des Lebens als Erwachsener sind noch viel zu weit weg. Es kann also einen direkten Sinn nicht einsehen. Es lernt aber, weil es grundsätzlich neugierig und aufgrund seiner Natur lernbegierig ist und alles lernen will – aber immer in Ausrichtung auf andere Menschen. Das Lernen macht aber nicht nur Freude. Es liegt in der Sache selbst, dass es Enttäuschungen gibt. So gibt es auch Misserfolge, die überwunden werden müssen.

«Viele Kinder trauen sich das Lernen nicht zu»

Schon bei den Kleinkindern sieht man grosse Unterschiede; die einen geben schon bei der kleinsten Schwierigkeit auf, beginnen zu weinen und suchen die Mutter. Andere sind beharrlicher, stehen wieder auf, wenn sie hingefallen sind, und wollen die Probleme alleine meistern. Aus diesem Prozess von Erfolg und Misserfolg und wie Kinder damit umgehen und vor allem wie die Eltern darauf reagieren, entstehen über die Zeit Gefühle und Haltungen, die sich vertiefen und je nach dem zu Lernschwierigkeiten führen können. Viele Kinder trauen sich das Lernen nicht zu. Gerade verwöhnte Kinder, die wir heute häufig in den Schulen antreffen, geben schnell auf und können sich nicht verbeissen. Schwierigkeiten versuchen sie zu umgehen, indem sie ausweichen und sich lieber mit Computerspielen oder mit Skateboarden beschäftigen, weil das ihnen leichter scheint, spannender ist und ihrer Meinung nach nicht so viel Anstrengung braucht. In Wirklichkeit braucht das genauso viel Anstrengung, nur merken sie es nicht, weil sie sich das zutrauen und Freude daran haben. Manche können es in solchen Sparten zu grosser Meisterschaft bringen. Die Frage stellt sich nur, ob sie damit ihr Leben einmal meistern können.

Zeigen, wie die Kinder zum Erfolg kommen können

Ob es nun immer Spass macht oder nicht, um das Lernen und die Vorbereitung aufs Leben kommt keiner herum. Lernen bedeutet eben viel Arbeit und viel Fleiss. Dazu ist der Lehrer unabdingbar, denn sonst würden die Kinder schnell ausweichen auf Tätigkeiten, die ihnen auf den ersten Blick viel einfacher scheinen, die aber bei Lichte betrachtet, keine Grundlage für das Bestreiten des späteren Lebens sind. Die wenigsten werden schliess­lich Weltmeister im Boarden oder im Fussball. Wenn wir Erwachsenen den Kindern nicht zeigen, wie sie auch bei anfänglich wenig beliebten Lerngebieten zum Erfolg kommen können, lassen wir sie im Stich. Genau diese menschliche Komponente fehlt beim Lernen mit Computern. Bei einem Kind muss der Lehrer von ihm mit einer gewissen Strenge einfordern, etwas zu lernen und beharrlich dabei zu bleiben. Ein anderes braucht eher Ermutigung und Zureden, bis es sich an etwas heranwagt. Bei einem dritten Kind ist es wieder anders, ist doch kein Mensch wie der andere.

Die Bedeutung der Klassengemeinschaft

Dann ist auch noch eine Klasse da, die in ihrer Gesamtheit auch eine grosse Wirkung auf die Kinder hat. Kinder, die jeden Fehler vermeiden wollen, erleben bei anderen, die Fehler machen, dass es nicht so schlimm ist. Andere lernen viel aus den Antworten, die andere geben, und aus Fragen, die andere stellen. Die Konkurrenz unter den Kindern ist für viele auch Motivation, sich mehr anzustrengen. Kurz, das ganze komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Kindern untereinander und zwischen Kindern und dem Lehrer macht einen wesentlichen Teil des fachlichen und vor allem auch des sozialen Lernens aus. Die Schulklasse ist auch eine Stätte des Lernens für das Zusammenleben im Staat und eine Grundlage für die Befähigung, sich in einer grossen Gemeinschaft konstruktiv einzugeben. Das alles gehört zum pädagogischen Handwerk eines Lehrers, und manche bringen es da zu einer grossen Meisterschaft. Wie armselig nimmt sich dagegen ein Unterricht aus, in dem die Kinder vereinzelt hinter ihren Bildschirmen sitzen und vor sich hinbasteln. Ohne Bezug zu den anderen Kindern, ohne Bezug zu einem Lehrer. Dass die Leistungen schlechter werden, ist verständlich. Und es sinken vor allem die Motivation und die Leistungen der Kinder, die von ihrem Zuhause weniger gut vorbereitet sind, und das ist die Mehrheit der Kinder in unseren Schulen. Diese Kinder können einem leid tun; von einem «Lernbegleiter» oder von einem Computer können sie keine menschliche Unterstützung erwarten. Für sie steht dann ein ganzer Apparat bereit, der ihnen mit Tests eine eingeschränkte Lernfähigkeit anhängt. Damit ist dann die Sache «erledigt». Einem richtigen Lehrer oder Pädagogen kann da nur die Galle hochkommen. ■

«Damit können wir nicht die Welt erobern, aber es sichert unser Überleben»

Reportage über den einzigen Traktorenbauer in der Schweiz

von Thomas Kaiser

Traktoren «made in Switzerland», das war einmal, wird so mancher denken. Vor Jahrzehnten gab es in der Schweiz unzählige Traktorproduzenten, die versuchten, auf die topografischen Gegebenheiten der Schweiz – sehr viele Hanglagen und eine kleinräumige Landwirtschaft – ausgerichtete Fahrzeuge zu produzieren. Namen wie «Bührer», «Hürlimann» oder «Bucher» waren damals ein Begriff. Doch die Konkurrenz aus dem Ausland ist stark und hat im Zuge der Veränderungen, besonders in der Schweizer Landwirtschaft, einheimische Firmen weitgehend verdrängt. Dennoch gibt es heute wieder einen Traktor «made in Switzerland» der Marke Rigitrac. Produziert wird dieser Traktor im Betrieb der Familie Knüsel in Küssnacht am Rigi. Streng genommen sind es zwei Familienbetriebe, die Rigitrac Traktorenbau AG, die den gleichnamigen Traktor produziert, und die Sepp Knüsel AG, die im Bereich Landmaschinen tätig ist. Es ist erstaunlich und ermutigend zugleich, dass sich ein kleiner Schweizer Betrieb in diesem harten Umfeld behaupten kann. Grund genug, sich die Rigitrac Traktorenbau AG einmal genauer anzuschauen und deren Erfolgskonzept zu ergründen.

Marlis Knüsel präsentiert mit bescheidenem Stolz ihr Premium-Produkt. (Bilder thk)

Marlis Knüsel präsentiert mit bescheidenem Stolz ihr Premium-Produkt. (Bilder thk)

 



Drei Generationen in einem Büro

Als ich in der Tür zum Büro stehe, empfangen mich drei Generationen, Marlis Knüsel, die zusammen mit ihrem Mann und der zweiten Tochter das Geschäft führt, zwei Töchter und ein Enkelkind, das fünf Wochen alt bereits auf dem Schreibtisch der Mutter ein Plätzchen hat. «So wachsen die Kinder natürlich in das Geschäft hinein», sagt Marlis Knüsel, und sie weiss, wovon sie spricht, denn alle vier Töchter arbeiten verantwortlich im Betrieb mit. «Das ist ein Geschenk», sagt sie. Während ihr Mann, Sepp Knüsel, für die technische Entwicklung und den Verkauf zuständig ist, führt seine Frau mit ihren vier Töchtern den Betrieb. Insgesamt hat die Firma 40 Mitarbeiter, also ein echtes KMU.
Bevor wir uns zum Rundgang durch das Firmengelände aufmachen, bietet sich Gelegenheit, Marlis Knüsel ein paar Fragen zu stellen, zur Firmengründung, zum Entscheid, einen eignen Traktor zu entwickeln und vieles mehr. Hier erklärt sie neben technischen Details auch Interessantes zur Firmengeschichte.
Zunächst begannen sie 1976 als Landmaschinen Verkaufs- und Reparaturstelle. Doch das alleine genügte dem Ehepaar Knüsel nicht. Sie tüftelten und überlegten, wie man, den Anforderungen der Zeit entsprechend, die Technik zur Erleichterung der harten landwirtschaftlichen Arbeit einsetzen kann. Bereits 1982 entwickelten sie den Bandrechen, der auf Mähtraktoren und Traktoren passte, «denn», so Marlis Knüsel, «damals war auf diesem Gebiet noch sehr wenig entwickelt. Es musste etwas sein, was Frauen vom mühsamen Rechen der Wiesen entlastet und genauso sauber arbeitet». Mit der Produktion dieser Bandrechen konnte die Firma Knüsel saisonale Schwankungen, denen die Landmaschinenbranche unterliegt, gut ausgleichen.

Einzelne Komponenten, die es zum Bau eines Traktors braucht, werden von spezialisierten Zulieferern übernommen. Der Motor wird von der Firma Deutz in Köln hergestellt, die Achsen von einem Werk, das sich auf deren Produktion spezialisiert hat. Die grosse Leistung der Firma Knüsel ist es, aus selbstgefertigten und zugelieferten Komponenten einen Traktor herzustellen, der allen Anforderungen, die besonders an die Berglandwirtschaft gestellt sind, gerecht wird und noch etwas mehr kann.

 

Zusammenarbeit mit den Kunden ist wichtig

Wenn Marlis Knüsel erzählt, merkt man deutlich ihr Engagement, der Landwirtschaft sinnvolle Erleichterungen zu bringen. «Als Bauerntochter und mein Mann als Bauernsohn hatten wir natürlich einen Einblick in die einzelnen Abläufe und konnten so bei der Entwicklung neuer Maschinen unsere eigenen Erfahrungen einbringen.» Damit gab es eine Synergie aus praktischer Erfahrung und technischem Kow-how. «Unser Ziel war zunächst», so Marlis Knüsel, «für die neuen Traktoren, die auf den Markt kamen, optimale Frontgeräte zu entwickeln.» Dabei war man durchaus innovativ und verbesserte sich in der Zusammenarbeit mit den Kunden ständig.
Ein weiteres Standbein für die Firma Knüsel bot der Import und Vertrieb von Wendetraktoren der italienischen Firma Antonio Carraro, die Fahrzeuge für die Berglandwirtschaft, Wein- und Obstbau produzieren.   
Der sogenannte Strukturwandel in der Landwirtschaft, der nichts anderes bedeutete, als dass die Politik die Märkte geöffnet hatte und die staatliche Unterstützung der Bauern an immer grössere Auflagen gebunden wurde, liess kleine Höfe, die in der Schweiz üblich waren, verschwinden. Das führte zwangsläufig zu einer Vergrösserung der Landwirtschaftsbetriebe und damit zu neuen Anforderungen an die Landmaschinen. Die Firma Knüsel stand vor einer neuen Herausforderung. Ihre Produkte waren bisher gut nachgefragt, aber die neue Situation verlangte Innovation, auch im technischen Bereich. «In den Leistungsklassen bis 60 PS», erklärt Marlis Knüsel, «waren wir gut positioniert, aber im leistungsstarken Bereich zu wenig.» Mit anderen Worten, es brauchte grössere und leistungsfähigere Maschinen. Die Firma Antonio Carraro hatte dazu keine Kapazität, und so begann das Ehepaar Knüsel, einen eigenen Traktor, zugeschnitten auf die Situation in der Schweiz, zu entwickeln und den Prototyp zu bauen. Im Jahr 2003 waren die Würfel gefallen. Möglich war das auch, weil der Betrieb sich in all den Jahren ständig vergrösserte.

Die Besonderheiten dieses Traktors sind ausgeklügelt

Die grosse Leistung der Firma Knüsel ist es, aus selbstgefertigten und zugelieferten Komponenten einen Traktor herzustellen, der allen Anforderungen, die besonders an die Berglandwirtschaft gestellt sind, gerecht wird und noch etwas mehr kann. Ein hoher Anspruch. Die Besonderheiten dieses Traktors, der sich als Nischenprodukt im Markt behaupten kann, sind ausgeklügelt. «Dazu gehören», wie Marlis Knüsel sagt, «die gleich grossen Räder vorne und hinten, das Mitteldrehgelenk für optimale Sicherheit, alle Lenkungsvarianten, ein leistungsfähiger Motor und verschiedene Komponenten in Kombination mit zusätzlichen Frontgeräten.» Dann zieht sie einen Vergleich: «Man muss sich das bei uns vorstellen wie bei einem Bauernbetrieb, der ein Nischenprodukt herstellt und damit existieren kann. Damit können wir nicht die Welt erobern, aber es sichert unser Überleben.»
Mit schweizerischer Bescheidenheit, erklärt sie, dass es darum gehe, ein gutes und seriöses Produkt zu fertigen, um eine sichere Zukunft für den Betrieb und damit für ihre Töchter und den immerhin 40 Angestellten zu gewährleisten. Neben der technischen Innovation gehört die enge Zusammenarbeit mit ihren Kunden zum Erfolgskonzept. «Wir versuchen in enger Zusammenarbeit mit den Bauern, unser Produkt zu optimieren. Das ist nicht immer einfach, aber unsere tägliche Herausforderung.» Man merkt Marlis Knüsel an, diese Herausforderung hat sie voll und ganz angenommen.

Rigitrac in der Stadt Köln im Einsatz

Die jährliche Produktion des Rigitrac liegt bei 25 bis 30 Stück, wobei knapp ein Drittel ins Ausland geht. Der Rigitrac ist ein Allrounder, er ist gut im Hang, im Ackerbaugebiet, in der Landschaftspflege und kann mit verschiedenen Frontgeräten ausgerüstet werden. Durch die gleich grossen Räder vorne und hinten fällt beim Allradantrieb die unterschiedliche Traktion weg.  Dadurch wird die Grasnarbe weniger verletzt, da sich bei einem herkömmlichen Traktor die kleineren Vorderräder immer ein bisschen schneller drehen als die Hinterräder. «Dieser Vorteil, gepaart mit einer grossen Wendigkeit, macht unser Produkt attraktiv, selbst für Gemeinden. Dort wird es vor allem in der Pflege eingesetzt.» Die Wendigkeit rührt daher, dass beide Achsen lenkbar sind und daher der Rigitrac problemlos um eine Verkehrsinsel oder auf schmalen Wegen mit engen Kurven gut herumkommt und wenn nötig auch versetzt fahren kann. Die Stadt Köln hat für die Pflege ihrer Grünanlagen und Stadtgärten den Rigitrac im Einsatz.
Aufgrund ihrer grossen Flexibilität und der Fähigkeit, einen massgeschneiderten Traktor auf den Markt zu bringen, ist die Rigitrac Traktorenbau AG grossen Anbietern, die ihre Massenprodukte fertigen, überlegen. Neben den technischen Neuerungen ist hier die individuelle Beratung der Interessenten von grosser Bedeutung. «Bevor man einen Traktor verkaufen kann, schaut man den betreffenden Betrieb an, um die speziellen Bedürfnisse herauszufinden und das Fahrzeug darauf auszurichten.» Dass der Rigitrac dadurch etwas teurer ist als ein Traktor ab Stange, ist nachvollziehbar. Da man jedoch dafür ein massgeschneidertes Fahrzeug bekommt, lohnt sich der finanzielle Aufwand.

Dank lenkbaren Vorder- und Hinterrädern sowie dem Mitteldrehgelenk ist der Rigitrac extrem wendig.

Dank lenkbaren Vorder- und Hinterrädern sowie dem Mitteldrehgelenk ist der Rigitrac extrem wendig.

 

Landwirtschaft wird immer Handarbeit verlangen

Angesprochen auf die Zukunft, sind wir schnell bei den Auflagen der EU. Marlis Knüsel bringt etwas zum Ausdruck, was hierzulande viele Menschen empfinden: «Die EU bestimmt etwas, und noch bevor man es dort einführt, wird es bei uns schon umgesetzt.» Das ständige Schrauben an den Abgasnormen setze sowohl den grossen als auch den kleinen Firmen erheblich zu. Häufig seien die knappen Fristen zur Umsetzung der Normen sehr problematisch. Doch nicht nur das, auch die Entwicklungen in der Landwirtschaft sieht sie sehr kritisch. «Die Bauern werden dazu verpflichtet, ökologisch die Landschaftspflege auszuführen, dafür werden sie vom Staat etwas unterstützt. Die Eigenversorgung mit Agrarprodukten für die Schweizer Bevölkerung steht erst an zweiter Stelle. Heute haben wir genug zu essen, die Grenzen zu den Nachbarländern sind offen. Sollte das einmal anders sein, dann haben wir ein handfestes Problem mit der Versorgung der Bevölkerung in unserem Land. Eine gesunde Landwirtschaft ist die Grundlage für ein angenehmes Leben.»
Dass die Landwirtschaft Marlis Knüsel am Herzen liegt, ist nicht Ausdruck ihrer Geschäftstüchtigkeit, sondern eine innere Einstellung. Es war ihr bei der Erziehung ihrer Töchter wichtig, dass sie so viel wie möglich auf dem Bauernhof der Grosseltern sein konnten, um so auch in das bäuerliche Leben hineinzuwachsen. Auch die Enkel sollen diese Möglichkeit haben, das bäuerliche Leben kennenzulernen. «Ein Traktor», sagt sie abschliessend, «ist hier allenfalls ein Hilfsmittel, aber die Landwirtschaft wird immer Handarbeit verlangen, und das ist gut so.» ■

Zurück